Selbstständigkeit ist Lebensqualität – Ergotherapie im Pflegeheim
Wenn im Pflegeheim von Ergotherapie die Rede ist, denken viele an Übungsstunden mit Bällen oder Gedächtnistraining.
Tatsächlich steckt jedoch weit mehr dahinter. Ergotherapie in der Pflege bedeutet vor allem, die Selbstständigkeit unserer Bewohnerinnen und Bewohner so lange wie möglich zu erhalten und dabei ihre ganz persönliche Lebensgeschichte im Blick zu behalten. Wir haben mit unserer Ergotherapeutin, Frau Gröllich, darüber gesprochen, wie Therapie, Bewegung, Betreuung und Biografiearbeit im Alltag zusammenspielen.
Mit Leidenschaft Ergotherapeutin
Unmittelbar nach ihrer Ausbildung in Zittau kam Frau Gröllich zu ST. JAKOB und ist seitdem ein fester Teil unseres Teams. Bereits während ihrer Ausbildung sammelte sie erste Erfahrungen in der Geriatrie und entdeckte dabei ihre Begeisterung für die Arbeit mit älteren Menschen. Was sie an ihrem Beruf schätzt, lässt sich ganz einfach zusammenfassen: In der Ergotherapie steht nicht im Vordergrund, welche Fähigkeiten ein Mensch verloren hat, sondern was noch möglich ist und wie diese Fähigkeiten im Alltag genutzt werden können.
Selbstständigkeit ist Lebensqualität
Das zentrale Ziel der Ergotherapie ist einfach, aber anspruchsvoll: Alltägliche Fähigkeiten sollen so lange wie möglich erhalten bleiben. Dazu zählen beispielsweise selbstständig essen, Toilettengänge bewältigen, sich auf alltäglichen Wegen sicher bewegen, Treppen steigen oder einfach in ein Auto einsteigen. Alltägliche Dinge, werden die meisten Menschen denken. Dennoch entscheiden gerade diese über die ganz persönliche Lebensqualität.
Ergotherapie ist übrigens auch ein wichtiger Baustein beim Thema Kurzzeitpflege: Wir mobilisieren Bewohner nach Krankenhausaufenthalten, integrieren sie in bestehende Gruppen und begleiten sie auf dem Weg zurück nach Hause. Es sind besonders die kleinen Fortschritte, die zählen. Wenn etwa ein Bewohner wieder mehrere Treppenstufen bewältigen kann oder beim Anziehen deutlich weniger Hilfe benötigt wird, ist das ein großer Erfolg.
Selbstverständlich gehen wir mit unseren Bewohner in der Therapie auch regelmäßig nach draußen: Die Parkanlage und unsere neu gestalteten Terrassen bieten Raum für Bewegung und Gruppenangebote im Freien. Mit der geplanten baulichen Erweiterung wird zudem ein eigener Therapieraum entstehen. Ein wichtiger Schritt, um unser Angebot noch intensiver zu gestalten.
Ergotherapie ist Teamwork
Hinter dieser Arbeit steht ein gut organisiertes Zusammenspiel. Unsere Betreuungskräfte ergänzen die Ergotherapie ideal, indem sie Spaziergänge, Gespräche, Erinnerungsrunden und individuelle Beschäftigungsangebote in den Alltag unserer Bewohner integrieren. So haben die Ergotherapeuten die Möglichkeit, sich auf gezielte therapeutische Maßnahmen zu konzentrieren.
Hinzu kommt eine enge Zusammenarbeit mit externen Physiotherapie- und Ergotherapiepraxen aus Zittau. Teilweise werden Therapieeinheiten auch gemeinsam durchgeführt. Eine detaillierte Dokumentation am Computer sowie regelmäßige mündliche Absprachen stellen sicher, dass alle Berufsgruppen und Beteiligten auf dem gleichen Stand sind. Und nicht zuletzt ist das kollegiale Miteinander innerhalb der Einrichtung eine wichtige Grundlage für unsere tägliche Arbeit.
Erinnerungen aus der Kiste
Für die Erinnerungsarbeit werden zahlreiche Kisten mit den unterschiedlichsten Inhalten angelegt und gesammelt. So ist über die Jahre ein wahres Archiv entstanden. In 19 Jahren wurden rund 50 thematische Kisten zusammengestellt. Ihre Füllungen bestehen aus Gegenständen, Gedächtnisübungen, Sprichwörtern und verschiedenen Materialien zu Themen wie Schule, Haushalt, Küche oder Garten. Die vorbereiteten Materialien können jederzeit schnell eingesetzt werden und erleichtern somit die tägliche Arbeit. Die Kisten werden nicht nur zur Therapie genutzt, sondern bereichern auch die allgemeine Alltagsgestaltung.
Die Lebensgeschichte als Kompass
Wie funktioniert individuelle Betreuung? Bei ST. JAKOB beginnt die Antwort bereits bei der Aufnahme. Mithilfe eines Biografiebogens erfassen wir persönliche Vorlieben, Hobbys, die Familie, den beruflichen Werdegang und frühere Lebensgewohnheiten. Diese Informationen helfen uns, das Verhalten unserer Bewohner, insbesondere von Menschen mit Demenz, besser zu verstehen. Auch prägende Erlebnisse unserer Bewohnerinnen und Bewohner, etwa Kriegserfahrungen, Flucht oder Wegzug, spielen dabei eine wichtige Rolle.
Die Dokumentation einer Biografie ist dabei niemals „fertig“: Ergotherapie, Erinnerungsrunden, Beobachtungen der Betreuungskräfte und Hinweise der Angehörigen werden fortlaufend ergänzt. Alles wird dokumentiert und digital festgehalten, sodass alle Bereiche der Einrichtung darauf zugreifen können.
Auf dieser Grundlage verschmelzen Ergotherapie, alltägliche Betreuung und Biografiearbeit in der Praxis miteinander: Ein ehemaliger Gärtner kann beispielsweise beim Pflanzen von Blumen beteiligt werden, Menschen mit einem Bezug zu Tieren werden gezielt für Tierparkbesuche angesprochen und früher ausgeübte Berufe können die Themen für das Gedächtnistraining liefern.
Orte der Erinnerung
Auch unsere Ausflüge werden anhand persönlicher Interessen geplant. Besonders wertvoll sind dabei Orte mit biografischem Bezug, wie das Museum in Großschönau mit der früheren Weberei, Spaziergänge entlang der Mandau, der Olbersdorfer See, der Wochenmarkt oder vertraute Kirchen. Solche Orte, aber auch bestimmte Geräusche und Gegenstände, können Erinnerungen wecken und Gespräche auslösen.
Ein Beispiel, das Frau Gröllich besonders in Erinnerung geblieben ist, ist der Besuch der Weberkirche direkt gegenüber unserem Haus I, in der eine Bewohnerin mit Demenz früher einmal geheiratet hatte. Selbst wenn verbale Erinnerungen verloren gegangen sind, zeigen solche Momente, wie tief biografische Verbindungen sitzen und welche Freude sie auslösen können.
Die kleinen Momente …
Der Alltag in der Ergotherapie erfordert viel individuelle Planung: die Auswahl geeigneter Ausflüge, die Integration von Kurzzeitpflegegästen, die Berücksichtigung persönlicher Beziehungen zwischen Bewohnern oder die Organisation von Veranstaltungen. All das muss beachtet und in die Therapie integriert werden.
Und was bleibt am Ende eines Arbeitstages hängen? Für Frau Gröllich sind es die kleinen persönlichen Erfolge: ein Lächeln am Morgen, ein Gespräch über das Wochenende, eine wiedergewonnene Fähigkeit oder ein Bewohner, der seinem Ziel, wieder nach Hause zu können, ein Stück nähergekommen ist.
Ergotherapie ist dadurch weit mehr als nur Therapie. Sie ist Teil einer ganzheitlichen Betreuung, bei der Fähigkeiten, Erinnerungen, Beziehungen und persönliche Wünsche gleichermaßen ihren Platz haben. Betreuungskräfte, Pflege, Ergotherapie, Physiotherapie, Angehörige und externe Partner tragen gemeinsam dazu bei, die Selbstständigkeit und Lebensqualität unserer Bewohner möglichst lange zu erhalten.